2012/07/03

Ich sitze in unserem Garten, der seit einem Jahr auf seine Fertigstellung wartet und fiebere der Abreise meiner Eltern entgegen. Ich höre Schritte. Füße, welche die jungen Grashalme in die Knie zwingen. Nicht, dass sie überhaupt welche hätten. Trotzdem höre ich, wie es knirscht. Wie sie abknicken und höchstwahrscheinlich sterben. Meine Schwester hockt sich neben mich, ist aber nicht bereit, sich vollends auf dem Boden niederzulassen. "Irgendwas Neues heute?", fragt sie lächelnd. "Nein", antworte ich in Gedanken versunken, schaue nicht zu ihr auf. Sie schweigt. "Was liest du da?". "Alice im Wunderland". Ich lasse das Buch auf meinen Schoß sinken. "Ich habe es geliebt, als ich klein war". Ein Lächeln huscht über das makellose, ehrliche Gesicht meiner Schwester. "Und tust es noch immer, hm?". Ich mustere die Wiese. "Natürlich liebe ich es", antworte ich knapp. Der Himmel ist von Wolken verhangen und der Wind scheint Freude daran gefunden zu haben, die Frisur meiner Schwester zu ruinieren. "Nur heute aus anderen Gründen", füge ich hinzu. "Als ich ein Kind war stand ich total auf diese Kinder-und Jugendbuchreihe von Colin Dann", lacht sie. "Als die Tiere den Wald verließen", murmle ich. "Genau", grinst meine Schwester und lässt sich nun doch auf der Wiese unseres Gartens nieder. "Oh je, wie ich diese Bücher geliebt habe", seufzt sie. "Weiß ich, Mama hat dir vor zwei Jahren eines der Bücher zu Ostern geschenkt". Sie muss lachen. "Das war ein ziemlich merkwürdiges Geschenk. Ich war als Kind wohl wirklich ziemlich besessen von diesen Büchern".  "Warum hast du sie dann seitdem nicht wieder gelesen?". Meine Schwester schaut etwas verdutzt. "Hm?". "Als ich vor kurzem bei euch war, hab ich das Buch zufällig gefunden. Es verstaubt in einer alten Kiste unter dem Schreibtisch". Sie überlegt. "Na ja, ich bin herausgewachsen, schätze ich. Es sind eben Kinderbücher". "Was ist falsch daran, Kinderbücher zu lesen?", hake ich nach. "Sie spenden Trost", füge ich hinzu. "Schon möglich".

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