Kaum eine Woche, sieben Tage, hundertachtundsechzig Stunden später liege ich schon wieder hier, in Daniels Arm, hab was getrunken, und frage mich, was das Ganze überhaupt soll.
Zum dritten mal am heutigen Tage bin ich hier gelandet, wieso, weiß ich nicht. Irgendwie passiert es immer wieder und ohne groß darüber nachzudenken, schließe ich die Augen und hole tief Luft. Von Sauerstoff ist keine Spur, aber die Wärme und der Zigarettengeruch tun' meiner Lunge aus unerklärlichen Gründen unheimlich gut. Ich habe die Mütze eines Typen namens Kevin auf dem Kopf. Sie ist mir viel zu groß und ich liebe sie abgöttisch. Besagter Typ sitzt vor Daniel und mir auf der Sofakante und unterhält sich angeregt mit allerlei Leuten, die ich nicht kenne. Neben mir sitzt Lenny, der seine Freundin im Arm hält und zufrieden lächelt. Jule sitzt auf Marvins Schoß und obwohl sie nicht zugeben will, wie toll sie ihn findet, kann sie ihre Augen nicht daran hindern, vor Freude aufzuleuchten.
Mir rutscht schon wieder Kevins Mütze ins Gesicht und diesmal mache ich keine Anstalten, sie wieder zurecht zu rücken. "So kann ich dein schönes Gesicht doch gar nicht sehen", nölt Daniel. "Ich bin nicht schön", antworte ich. Doch Daniel schüttelt den Kopf. "Lenny? Sie ist doch schön, oder?", fragt er den Rotschopf neben mir. Ich seufze genervt. "Doch wohl, total. Ehrlich", er grinst und dreht sich mir zur. "Bist du wirklich", pflichtet Kevin bei. "Wenn ihr wüsstet...", murmle' ich in Daniels Arm und schließe erneut die Augen. Was zur Hölle mache ich hier eigentlich?
2013/03/24
2013/03/17
astronauts
Lenny ist total betrunken und tanzt durch das Schlachtfeld von Wohnung, dessen stolzer Besitzer, Patrick, irgendeinen Mist singt. Und das tut er laut.
Ich unterhalte mich gerade mit Lenny's Freundin darüber, wie niedlich der Kriegstanz ihres Freundes doch ist, als sich mal wieder alles dreht und plötzlich Jule vor mir steht. Sie zieht mich auf die Beine und schleppt mich in den Flur. "Schuhe an", befiehlt sie und lächelt leicht, als ich vergeblich versuche, Widerworte zu geben. "Warum denn?", frage ich dann aber doch, ziehe mir aber trotzdem brav die Jacke an, welche Jule mir hinhält. "Weil du ganz dringend frische Luft brauchst, darum. Du bist total besoffen". Ich muss lachen. "Angetrunken, wenn ich bitten darf". Jule antwortet mir gar nicht sondern zieht mich einfach durchs Treppenhaus. Draußen werde ich von kühler aber angenehmer Luft und dem dunklen Nichts des weiten Abendhimmels empfangen. Wir laufen ein Stück und es tut mir gut. Ich spüre, wie mein Kopf langsam klarer wird.
Als wir die Straße zum dritten Mal auf-und abgelaufen sind, machen wir uns auf den Rückweg. "Jule, frag mich was. Irgendwas. Ich muss überprüfen, ob ich wieder normal denken und sprechen kann", sage ich bittend und sie lacht. "Was soll ich denn fragen?". Ich zucke mit den Schultern. "Irgendwas". Sie schließt Patricks Haustür auf und packt den Schlüssel in ihre Hosentasche, ehe sie wieder meine Hand nimmt und wir langsam die Treppen nach oben nehmen. "Was ist mit Daniel?". Ich zucke wieder mit den Schultern. "Nichts, was soll da sein? Ich habe noch immer dieses Urbedürfnis mit ihm zu kuscheln aber sonst ist alles gut". Wir stehen wieder im Flur und ich ziehe mir gerade die Schuhe aus, als Jule mich mit einem Mal ans andere Ende des Raumes verfrachtet und mir sagt, mich hinzusetzen. Auf meinen fragenden Blick hin meint sie nur, ich dürfte nichts mehr trinken, solle mich ausnüchtern und sie würde jetzt Daniel holen. Ich verschränke die Arme und möchte mich gerade beschweren, da ist sie auch schon wieder weg.
Der Boden ist kalt und es ist dunkel. Patricks Flur, der eigentlich die Küche ist, besteht aus einem einsamen Kühlschrank und einer leeren Kommode, an der dutzende Jacken hängen.
Daniel klopft leicht gegen die Wand um auf sich aufmerksam zu machen, ehe er sich vorsichtig neben mich setzt. Er hätte ja an die Tür geklopft, nur ist eben diese nicht vorhanden. Nicht dass es in dieser Wohnung überhaupt irgendeine Tür, abgesehen von der Haustür, gäbe.
"Was ist los?", hakt er besorgt nach. "Keine Ahnung", sage ich ehrlich. "Jule meinte, du würdest mit mir reden wollen". Ich zucke erneut mit den Schultern. Ein paar Sekunden vergehen, bis Daniel wieder das Wort ergreift. "Also, ich glaube du weißt schon, dass ich dich ganz süß finde und sowas, oder?". Ich nicke. "Ist das denn wirklich so ein Problem?". "Was meinst du?", frage ich. "Dass ich kleiner bin als du". Ich schaue interessiert auf Patricks verdreckten Fußboden. "Weiß nicht", mache ich leise. "Keine Ahnung, ehrlich. Ja. Nein. Keine Ahnung". Ich druckse herum.
Wir beschließen, unser Gespräch von vorhin fortzusetzen und peinlicherweise neigt mein angetrunkenes Mundwerk in den nächsten eineinhalb Stunden dazu, Daniel meine ganze Lebensgeschichte zu erzählen. Als ich merke, wie mein lallender Unterton verschwindet und meine normale Stimme endlich wieder die Oberhand gewinnt, schaue ich erneut peinlich berührt auf den Boden. "Tut mir leid, dass ich dich die ganze Zeit mit meinem blöden Gerede nerve", sage ich leise. "Du nervst mich nicht. Sonst wäre ich nicht hier". Ich schüttel den Kopf. "Aus Mitleid?", frage ich lachend. "Ach, so ein Blödsinn. Ich bin hier, weill ich hier sein will, bei dir. Ich habe noch nie jemanden getroffen, der so ist wie du. Ehrlich. Ich könnte tagelang mit dir reden, einfach nur hier sitzen und zuhören. Weil du ein ganz besonderer Mensch bist". Doch anstatt mich über dieses Kompliment zu freuen sage ich bloß: "Nein bin ich nicht, ehrlich. Ich bin ein totaler Idiot". Ich blinzele ein paar Tränen weg. Ich versuche, durchzuatmen, aber in der Luft ist kein Sauerstoff mehr. Nur noch der Gestank von Alkohol und Zigaretten. Und Daniel sagt: "Hat dir schon mal jemand gesagt, wie hübsch du bist?". Und ich verneine die Frage und nehme ihn nicht ernst. Und er lacht und ich denke: Ich will ihn küssen, ich will ihn küssen, ich will ihn küssen. Aber das tu' ich nicht, weil sich meine Vernunft einschaltet und wir reden weiter und ich spüre die Tränen hinter meinen Augenlidern als wir auf meine Familie zu sprechen kommen und er nimmt mich ganz fest in den Arm und ich höre seinen Herzschlag. Er ist viel stärker als es eine so kleine Person vermuten lässt und wie wir es überhaupt schaffen, hier, auf Patricks dreckigen Fußboden in seiner noch dreckigeren Wohnung, so beieinander zu liegen, ist mir ein ziemlich großes Rätsel, weil er doch so klein ist und ich so groß. Aber wir kuscheln.
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