Ich stand am Rande des Abgrunds und schaute in die schwindelerregende Tiefe. Grün, nichts als Grün, Bäume und Farne und Gräser, ein Meer aus Grün. Doch unten im Tal schlängelte sich leuchtend ein blauer Bach durch das Dickicht. Dort wollte ich hin. Er lockte mich.
Also streckte ich meine Arme aus und stürzte mich hinab. Kurz streiften mich die Schwingen des Todes, dann wuchsen meine eigenen. Sie waren kräftig und stark. Ich musste sie nur ausbreiten und sie hielten mich. Mutig und voller Freude am Leben beugte ich meinen Kopf nach unten und schoss hinab, immer wissend, dass ich nur meine Flügel ausbreiten musste, um nicht an den Felsen zu zerschmettern. Ich sah alles. Jedes Blatt, jeden Zweig, jedes winzige Körnchen Blütenstaub. Die Luft streifte kühl meinen Bauch. Und ich sah auch, dass der Bach ein gelbes, sandiges Bett hatte und nicht tief war. Vielleicht einen halben Meter, genug, um darin zu laufen. Meine Schwingen und Klauen verwandelten sich in vier behufte, braunrote Beine. Pure Energie durchströmte meinen Körper und mein Geweih warf zitternde Schatten aus das Wasser vor mir. Ich labte mich an dem Gefühl, mich auf vier Beinen fortbewegen zu können, mühelos, fast schwebend. Das Wasser spritzte auf, eine köstliche Kühle an meinen Fesseln. Doch nun wollte ich nicht mehr. Ich wollte dem glitzernden Sand nahe sein, in dem das Sonnenlicht spielte. Kopfüber tauchte ich hinein. Meine Beine und mein Geweih machten einem schlanken, wendigen Flossenkörper Platz. Ich wirbelte durch das blaue Nass und sprang gestreckt über kleine Stromschnellen. Noch nie hatte ich mich so rein, so stark und so sorgenfrei gefühlt. Nie hatte mir das pure Dasein mehr Freude bereitet.
"Wach auf!". Mit einem Stoß drückte ich die Frau von mir weg. Meine Arme fühlten sich fremd an. Und sehr, sehr kalt. Warum hatte ich Arme? Ich war doch gerade ein Fisch gewesen. "Was machst du hier?". Die Frau, meine Mutter, klang beinahe panisch. Und reichlich verwirrt. Meine Glieder waren schwer und träge und das Klopfen in meiner rechten Schläfe erinnerte mich schmerzhaft daran, wie verletzlich ich war. Ich blinzelte. Urplötzlich begann ich mit den Zähnen zu klappern. "Ich hab geträumt". Ja. Es war ein Traum gewesen. Nur ein Traum. Nur? Es war das Beste, was ich jemals erlebt hatte. Ich wollte zurück. Meine Lider wurden schwer. "Schatz!", rief Mama eindringlich. "Bitte bleib wach". Trotz meiner Sehnsucht, wieder zurückzukehren - ich war schon auf dem Weg - drang ihre Sorge zu mir durch. Mein Zittern verebbte langsam. Ich gähnte, bis mein Kiefer knackte. "Geht es dir gut? Ist alles in Ordnung?", fragte Mama mich beunruhigt. Mühsam setzte ich Stück für Stück meine Wirklichkeit zusammen. Ich war weder ein Adler noch ein Hirsch noch eine Forelle. Ich stand in einem dünnen Nachthemd auf der Terrasse und hatte eiskalte Füße. Und mein Plan, mich in der Schule von nun an unauffällig zu verhalten, war bisher gescheitert. Irgendwie klappte das mit dem Beobachten und Nachmachen nicht mehr. Meine Vorahnung hatte sich bestätigt. "Ja, alles in Ordnung", sagte ich heiser. Ich räusperte mich. "Du bist doch schon seit Jahren nicht mehr geschlafwandelt", murmelte meine Mutter ratlos. "Es ist ja nichts passiert", sagte ich langsam und schluckte. Mama stellte den Wasserkocher an und suchte mir einen ihrer selbst gemischten Tees heraus. Die meisten von ihnen schmeckten schauderhaft, aber ich wollte ihr die Chance nicht nehmen, mich zu verarzten. Etwas zu tun, schien sie zu entspannen. Beflissen summte sie vor sich hin.
Ich selbst war weder aufgeregt, noch hatte ich Angst. Ich war nur verwundert. Denn Mama hatte recht. Bisher war ich noch nie nachts freiwillig aus dem Bett aufgestanden. Und schon gar nicht schlafend. Wenn allerdings so schöne Träume mich nach draußen trieben - dann würde ich es gerne wieder tun.
Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen